Geniale Frauen – Beate Uhse

Beate Uhse – selten habe ich bei einem Namen derart ambivalente Assoziationen im Kopf wie bei diesem. Miefig aussehende Trash-Läden mit geschmacklosen Dessous im Schaufenster, Plüsch-Handschellen, dazu toupierte Erotikmodels auf Postern, die gefühlt seit den 80er-Jahren dort hängen. Doch hinter dem Sex-Geschäft mit dem hartnäckigen Schmuddel-Image steckt die Geschichte einer beeindruckenden Frau, die von Geflüchteter zur Unternehmerin wird und aus einer anfänglichen Not heraus über Jahrzehnte einen millionenschweren Konzern aufbaut. Ein Porträt aus der Rubrik „Geniale Frauen“ über Beate Uhse – oder wie sie auch gerne genannt wird: die „Aufklärerin der Nation“.

Beate Uhse eröffnet Anfang der 60er-Jahre nicht nur den ersten Erotik-Shop in Deutschland, sie leistet auch einen beachtlichen Beitrag zur sexuellen Revolution und damit zur Selbstbestimmung von Frauen. Damit es später einmal dazu kommt, bringen Uhses für damalige Verhältnisse recht modernen Eltern der kleinen Beate viele schlaue Sachen bei.

Unter dem Nachnamen Köstlin kommt Uhse 1919 in Ostpreußen, heute Russland, zur Welt. Ihre Mutter Margarete gehört zu den ersten Ärztinnen überhaupt in Deutschland, eine ihrer Omas leitet eine Brauerei. Klar ist also: In dieser Familie herrschen keine angestaubten Geschlechterrollen zwischen Mann und Frau. So sieht es wohl auch Uhses Vater Otto, ein Landwirt. Bei den Köstlins zu Hause wird schon früh ganz offen mit den Kindern über Sexualität gesprochen. Zur Erinnerung: Das passiert alles vor dem Zweiten Weltkrieg.

Beate Uhse wird Pilotin

Mit Unterstützung ihrer lässigen Eltern fasst Uhse als Neunjährige den ungewöhnlichen Entschluss, Pilotin zu werden. Und das tut sie dann auch. Mit 18 Jahren hat sie ihren Flugführerschein in der Tasche – als einzige Frau mit 59 Männern – und arbeitet später unter anderem für die Luftwaffe. Ein leider unschöner Teil ihrer Biografie: Sie fliegt auch als Stuntpilotin in mehreren Nazi-Propagandafilmen mit.

Durch den Beruf lernt Beate ihren ersten Ehemann Hans-Jürgen Uhse kennen und trägt ab sofort diesen berüchtigten Nachnamen. Mit dem Fluglehrer bekommt sie ihren ersten Sohn Klaus. Das Familienglück hält aber nicht lange. Nur ein Jahr nach der Geburt stirbt der Gatte bei einem Flugzeugunfall. Kurz darauf endet der Zweite Weltkrieg. Uhse flüchtet samt Kleinkind – natürlich per Flugzeug – vor den Russen nach Schleswig-Holstein und landet sechs Wochen in Gefangenschaft von britischen Truppen.

Endlich wieder frei, sitzt sie nun da als geflüchtete alleinerziehende Witwe, die nicht mehr fliegen darf, weil es die Besatzungsmächte verbieten. Viel weiter unten geht wohl nicht. Doch mit dem vorläufigen Tiefpunkt ihres Lebens beginnt im Grunde aber Uhses zweite viel größere Erfolgsgeschichte: der Erotik-Handel.

Beate Uhse macht aus Problemen ein Geschäft

Uhse tut genau das, was viele Ratgeber zum Reichwerden immer wieder predigen: Sie erkennt Probleme und löst diese ganz einfach. Während sie sich zunächst mit Schwarzmarktgeschäften finanziell über Wasser hält, kommt sie immer wieder ins Gespräch mit anderen Frauen – und die beschäftigt im zerbombten Deutschland vor allem eine Sorge: Jetzt bloß nicht schwanger werden. Die Pille gibt es zu dem Zeitpunkt noch nicht. Doch Uhse erinnert sich an die Kalendermethode (auch bekannt als Knaus-Ogino-Methode), von der ihre Mutter einmal erzählte. Bei dieser Art der Verhütung rechnet man seine fruchtbaren Tage aus – damals völliges Neuland. Und schon ist Uhses Geschäftsidee geboren.

Im Jahr 1946 (!) schreibt Uhse eine von Frauen heiß begehrte Aufklärungsbroschüre namens „Schrift X“. Die ersten Drucke zum Verteilen bezahlt sie noch mit fünf Pfund Butter! Mit dem Verkauf von 32.000 Exemplaren zu 50 Pfennig kommt endlich Geld rein, was sie 1951 als Startkapital für den ersten eigenen Versandhandel nutzt. Zu dem Zeitpunkt ist Uhse schon mit ihrem zweiten Ehemann verheiratet, dem Kaufmann Ernst-Walter-Rotermund. Ihn lernt die bekennende Nudisten übrigens an einem FKK-Strand kennen und bekommt mit ihm noch einen Sohn. Tja, die Kalendermethode funktioniert eben nicht ganz zuverlässig …

„Hier steht der Orgasmus vor Gericht!“

Uhses Business wächst und wächst. 1962 eröffnet sie ihr erstes Geschäft in Flensburg. Doch das hat nichts mit dem in der Einleitung beschriebenen Schmuddelläden zu tun. Stattdessen wirkt der Shop eher wie eine Apotheke und trägt den sperrigen Titel „Fachgeschäft für Ehehygiene“. Oh yeah. Zu kaufen gibt’s unter anderem Kondome und Sex-Ratgeber für Paare.

Natürlich gibt es im prüden Nachkriegsdeutschland viele Menschen, die auf Uhses freizügiges Geschäftsmodell überhaupt nicht klarkommen und die Unternehmerin wegen „Vorschub zur Unzucht“ verklagen. 2000 Anzeigen kassiert sie insgesamt bis 1992. Während einem ihrer hunderten Prozesse ruft Uhse folgenden legendären Satz: „Hier steht der Orgasmus vor Gericht!“ Sie verliert nur ein einziges Verfahren. Einen besonders großen Sieg feiert sie im Jahr 1976 mit der Abschaffung eines mittelalterlichen Paragrafen, der die Verbreitung von Pornografie verbietet.

Später wird Uhse selbst sogar Erotikfilme produzieren. Schließlich geht sie mit ihrem Unternehmen 1999 an die Börse. Viele Jahrzehnte brummt der Laden, 2005 fährt er den höchsten Gewinn in seiner Firmengeschichte ein. Das erlebt Uhse jedoch nicht mehr persönlich mit. Sie stirbt 2001 mit 81 Jahren in der Schweiz an den Folgen einer Lungenentzündung.

Beate Uhse in der Krise

Was Beate Uhse aber auch erspart bleibt, ist die aktuell schwerste Krise ihres Unternehmens, denn das hat im Dezember 2017 Insolvenz angemeldet. Verwunderlich ist die Pleite wohl kaum, denn wie bereits gesagt: Das Image des Erotik-Shops ist mies und Modernisierungs-maßnahmen kommen viel zu spät. Inzwischen haben andere moderne Online-Händler Beate Uhse überholt.

An der grandiosen Lebensgeschichte seiner Gründerin lässt sich dennoch nicht rütteln. Seine Mutter sei „zupackend“ gewesen, eine „Kämpferin“, sagte mal einer von Uhses Söhnen. Nichts konnte offenbar die ehrgeizige Frau mit dem burschikosen Kurzhaarschnitt unterkriegen – nicht der frühe Krebstod eines Sohnes, nicht die eigene Krebserkrankung in den 80er-Jahren und auch nicht die 20 Jahre lange Affäre ihres zweiten (Ex-)Mannes mit dem Kindermädchen.

Und wer jetzt immer noch kein Fan von Beate Uhse ist, dann zum Schluss noch folgende zwei Boss-Moves von ihr. Nummer eins: Mit 75 Jahren machte sie einen Tauchschein. Zweitens: Uhse spielte gerne Tennis, aber der Flensburger Tennisclub wollte die Frau mit dem lüsternen Geschäft nicht dabei haben – also baute sie sich einfach ihren eigenen Tennisplatz. Beate Uhse – die Meisterin der Problemlösung!

Auf Beate Uhses außergewöhnliche Lebensleistung bin ich in dem Buch „Setze dir größere Ziele – Die Geheimnisse erfolgreicher Persönlichkeiten*“ von Rainer Zitelmann gestoßen. Große Empfehlung von mir!

8 Kommentare

  1. Klimperliese

    Schöner Beitrag, allerdings lautet das berühmte Zitat Uhses: „Hier steht der Orgasmus vor Gericht!“. Nicht der „Organismus“. 😉

  2. Anna (Finance & Philanthropy)

    Cool, die Beate 🙂 Sie hat auf jeden Fall etwas Großes geschaffen. Wie wärs, wenn du mal von Josephine Cochrane berichtest? Sie hat die erste brauchbare Spülmaschine erfunden. Weil sie nicht selber abwaschen wollte. Wie cool ist das denn? Und das Ganze auch noch im 19. Jahrhundert 😀

    Schönen Sonntag,
    Anna

    • Natascha

      Ui, Josephine Cochrane kenne ich noch gar nicht. Klingt super! Danke für den Tipp, Anne.

  3. Der Depotstudent

    Da sieht man mal wieder, dass mit Kreativität, Ehrgeiz und Durchhaltevermögen einiges möglich ist. Sehr motivierender Beitrag 😀

    Viele Grüße vom Depotstudent 🙂

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