Wie bist du Deutschlands stärkste Frau geworden, Lea Schreiner?

Madame meets Lea Schreiner. Sie ist Kraftsportlerin, 4-fache Meisterin im Kraftdreikampf (Powerlifting), Teil des deutschen B-Nationalkaders, gilt als die stärkste Frau Deutschlands, hat den Kilimandscharo bestiegen und studiert ganz nebenbei auch noch Sport und Französisch auf Lehramt.

Hier gibt‘s das Gespräch mit Lea als Video:

Und hier gibt‘s das Ganze als Podcast:

Jetzt anhören und abonnieren auf

Natascha: Kannst du zu allererst erklären, was Powerlifting ist bzw. was die „Drei“ im Kraftdreikampf bedeutet?

Lea: Powerlifting ist der englische Begriff für Kraftdreikampf. Wie der deutsche Name schon sagt, besteht der Sport aus drei Disziplinen: Kniebeuge, Bankdrücken und Kreuzheben. Wettkämpfe laufen auch in dieser Reihenfolge ab. Erst beugt man, dann drückt man und dann hebt man. Pro Disziplin haben die Teilnehmer*innen drei Versuche. Der schwerste Versuch wird gewertet.

Natascha: Genau wie ich hast du als Jugendliche auch Fußball gespielt – und zwar in einer Jungenmannschaft, da es damals noch keine für Mädchen gab. Wie hast du es empfunden, in der Jungenmannschaft als einziges Mädchen zu spielen?

Lea: Ich fand es immer cool. Es war etwas Besonderes. Ich musste mich in der Dusche umziehen, weil es keine Umkleide für Mädchen gab. Das war schon lustig. Die Jungs waren alle ziemlich cool. Interessant fand ich es, zu beobachten, dass die Jungs im Training, aber auch die Gegner bei Turnieren keine Fehler vor mir als Mädchen machen wollten. Ansonsten habe ich das Gefühl, mich dadurch sehr gut vor allem im Bereich Fußball entwickelt zu haben. Als ich in die Damenmannschaft wechselte, merkte ich, dass ich gut spielte. Ich glaube schon, dass das daran lag, dass ich als Jugendliche mit Jungs gespielt habe.

Natascha: Würdest du sagen, dass dich das abgehärtet hat und dir den Weg in die nächste Männerdomäne – den Kraftsport – geebnet hat?

Lea: Ich weiß es nicht genau, aber ich denke schon. Ich habe schon immer das gemacht, worauf ich Lust hatte und nie darüber nachgedacht, etwas nicht zu tun, nur weil es keine Mädchenmannschaft gibt. Damals beim Fußball war das ganz natürlich. Als ich mit dem Kraftsport anfing, war ich schon älter und hatte Scheu und Angst in diese Männerdomäne zu gehen. Als ich vor fünf Jahren mit dem Kraftsport anfing, traf man im Hantelbereich ausschließlich Männer an. Da ich nicht so selbstbewusst war, bin ich dann lieber auf das Laufband gegangen. Es fiel mir am Anfang also relativ schwer. Ich habe es dann aber trotzdem geschafft, mich in diesen Bereich „reinzumogeln“.

Natascha: Wie genau hast du das– trotz dieser anfänglichen Unsicherheiten geschafft?

Lea: Ich habe immer schon Sport gemacht und war sehr aktiv. Nach dem Abitur ging ich für ein Jahr in die USA, um dort als Au-Pair zu leben und die Sprache zu lernen. Mein Ziel war es, nicht zuzunehmen, weswegen ich regelmäßig ins Fitnessstudio ging. Der Kraftraum dort war immer relativ leer. Ich suchte im Internet nach Übungen und Informationen, wie die Maschinen funktionieren und brachte mir das Ganze praktisch selbst bei. Es machte mir total Spaß und es war toll, die ersten Erfolge zu sehen.

Natascha: Das finde ich das Schöne am Arbeiten mit Gewichten. Der Fortschritt ist schnell plakativ sichtbar. Wie kam es bei dir dazu, das Ganze professionell zu machen?

Lea: Am Anfang trainierte ich nur an den Geräten und machte Freiübungen, bis mich ein Trainer auf Crossfit ansprach. Crossfit ist eine ziemlich harte Sportart, ein Mix aus Gewichtheben, Kraftdreikampf und Zirkeltraining. Dabei lernte ich Gewichtheben (Olympischer Zweikampf, auch mit der Langhantel) kennen. Das machte ich in Deutschland weiter.

Natascha: Wie oft hast du trainiert?

Lea: Eher jeden Tag. Und das war natürlich auch zu viel. Gerade bei der Langhantel ist es wichtig, eine*n Trainer*in zu haben, der*die dir die Technik erklärt und dich, wenn nötig, auch mal zurückhält. Meine Erfahrung ist, das gerade Frauen im Sport oftmals zu ehrgeizig sind. Ich habe auch etwas zu viel gemacht und eine Überlastung im Knie bekommen. Dadurch musste ich erst einmal pausieren.

Zu der Zeit studierte ich Sport im ersten und zweiten Semester. Da gab es auch viele sportliche Aktivitäten und weniger Theorie. Mein Körper sagte dann irgendwann: Es reicht jetzt langsam.

Für mich war es interessant, den Einzelsport zu entdecken. Früher hatte ich immer nur Teamsport gemacht. Das Schöne am Einzelsport ist, dass ich man sich auf sich selbst verlassen kann. Denn wenn beim Mannschaftssport die Mannschaft nicht als Team arbeitet, nützt die Einzelarbeit auch nicht viel. Das frustrierte mich beim Mannschaftssport manchmal. Das Coole am Kraftdreikampf ist, dass, wenn du Arbeit reinsteckst, und einen Plan hast, auch was Gutes dabei herauskommt.

Natascha: Fehlt dir trotzdem der Teamzusammenhalt oder besteht dein Team jetzt aus Trainer*innen, Menschen, die dich pushen usw.? Kann Einzelsport manchmal einsam sein?

Lea: Momentan in Zeiten von Corona ist es ein bisschen einsam, da ich auch versuche, so wenig wie möglich mit anderen zu trainieren. Ansonsten kann man fast schon sagen, dass es ein Teamsport ist. Denn auf Wettkämpfen oder durch soziale Netzwerke wie Instagram lernt man viele Menschen kennen. Wenn ich reise und in ein neues Studio gehe, treffe ich Leute, die mich kennen oder die ich kenne und das ist wirklich cool. Das Tolle an dem Sport ist, dass ich durch ihn so viele Freunde gefunden habe. Auf den Wettkämpfen wird man sofort erkannt und angesprochen und auch im Fitnessstudio kennt man viele Leute.

Natascha: Kommen wir nochmal auf deine Knieverletzung zu sprechen. War das ein Zeichen deines Körpers, mit weniger Gewichten zu trainieren? Was genau ist passiert?

Lea: Es war eigentlich „nur“ eine Überlastung. Das Patella-Spitzen-Syndrom. Es ist eine Art Entzündung an der Spitze unten am Knie. Ist erstmal nicht super dramatisch, aber ich wollte unbedingt weiter trainieren. Das war schon ein Fehler. Dadurch ist das Ganze chronisch geworden. Als die Schmerzen nach eineinhalb Jahren nicht aufhörten, ließ ich mich operieren. Zum Glück ist danach auch alles wieder geworden. Dadurch habe ich das Trainieren noch einmal mehr schätzen gelernt und das mein Körper das leisten kann. Außerdem achte ich seitdem mehr auf meinen Körper.

Natascha: Wie ging es dir mental in dieser Zeit? Hattest du bestimmte Techniken oder Coaches, die dich unterstützt haben?

Lea: Für mich war es doppelt schwierig, weil ich auch Sport studiere. Das Starksein war immer Teil meiner Persönlichkeit. Wenn das Trainieren plötzlich wegfällt, du eher schwach bist als stark und auf Krücken gehst, dann ist das schon schwierig. Es ändert sich in dem Moment deine Persönlichkeit und Identität. Damit muss man klarkommen und es akzeptieren. Also anstatt zu sagen „Ich bin jetzt schwach und das ist schlecht“, sich sagen: „Vielleicht bin ich jetzt etwas schwächer, aber ich bin trotzdem gut und etwas Wert“. Mittlerweile weiß ich, dass ich mehr bin als die starke Lea und auch noch andere Fähigkeiten habe.

Ich nahm aber auch Mentaltraining und eignete mir sehr viel selbst an. Auch im Sportstudio lernt man viel. All das hat mir in dieser Zeit geholfen.

Natascha: Du hattest also einen Mentalcoach, mit dem*der du regelmäßig gesprochen hast?

Lea: Genau. Ich habe in dieser Zeit auch eine Hypnoseausbildung gemacht. Dabei konnte ich jede Menge lernen, zum Beispiel was Gedanken und Sprache mit uns machen.

Natascha: Kannst du uns verraten, woran genau ihr in dieser Zeit gearbeitet habt? Ging es eher darum, negative Gedanken fernzuhalten oder mehr um deine Identität und dein Selbstbewusstsein?

Lea: Das ist natürlich sehr individuell. Jeder Mensch hat seine Schwächen oder Herausforderungen. Bei mir war es so, dass ich mit dem Knie sehr negative Gedanken verband. Daran arbeitete ich also. Ich habe viel mit Sprache und Gedanken gearbeitet.

Auch an meinem Selbstbewusstsein habe ich gearbeitet. Ich habe immer wieder Erinnerungen an Momente hervorgerufen, in denen ich selbstbewusst war. Auch im Bezug auf die Angst vor der OP, um dafür mental stark zu sein.

Natascha: Das ist eine sehr schöne Technik: Sich in schwierigen Momenten oder Krisen an die eigenen Erfolge erinnern.

Lea: Das, was man schon geschafft hat, schafft man mindestens nochmal – wenn nicht noch mehr.

Natascha: Eine gute Lebenseinstellung. Das ist vielleicht nochmal ein guter Denkanstoß für die eine oder andere. Ich finde es super, mit welcher Selbstverständlichkeit du das gerade gesagt hast. Was fasziniert dich generell am Kraftsport?

Lea: Über den Aspekt der Freundschaften haben wir ja schon gesprochen. Aber auch das Gefühl, stark zu sein. Ich kann beispielsweise meinen Koffer selber in den Zug tragen und bin nicht auf Hilfe angewiesen.

Ich bin durch den Kraftsport auch viel selbstbewusster geworden. In der Schulzeit war ich das weniger und wurde sogar ein bisschen gehänselt.

Heute merke ich, dass ich eine ganz andere Körperhaltung habe und einen ganz anderen Eindruck auf Menschen mache. Bei meinem Praktikum in der Schule habe ich zum Beispiel das Gefühl, dass die Kinder mehr Respekt haben. Das ging mir auch so, als ich eine Jungenmannschaft im American Football und Baseball trainierte.

Außerdem ist Kraftsport sehr messbar und man sieht die Erfolge, das finde ich ziemlich cool. Ich fühle mich einfach viel wohler in meinem Körper und nicht mehr so unzufrieden wie früher.

Natascha: Würdest du sagen, dass es bei dir eine Verbindung zwischen körperlicher Fitness und Stärke und dem Kopf (stärkeres Mindset, selbstbewusstere Einstellung) gibt?

Lea: Auf jeden Fall. Ich weiß, dass wenn ich dafür arbeite, etwas dabei herauskommt. Das ist wie bei Klausuren. Wenn ich weiß, dass ich dafür gelernt habe, kann es nur gut werden. Das funktioniert andersrum aber auch: Wenn ich wenig gelernt oder trainiert habe, ist das Ergebnis weniger gut. Vor einem Wettkampf war ich verletzt und trainierte nicht viel. Der Wettkampf lief nicht gut.

Normalerweise sage ich mir aber: Ich habe dafür gelernt, ich kann das, es wird gut. Ich rede mir also selbstbewusst zu. Und am Ende klappt es dann auch.

Natascha: Du giltst als stärkste Frau Deutschlands. Wie wird frau das? Woher kommt diese Bezeichnung?

Lea: Es gibt sehr viele starke Frauen in Deutschland. Im Kraftsport unterscheidet man generell zwischen relativer und absoluter Kraft. Wer bewegt das meiste Gewicht, das sind generell die Schwereren und wer ist relativ die Stärkste. Eine Ameise ist beispielsweise relativ stärker als ein Elefant, weil sie ihr 100-faches Körpergewicht stemmen kann.

Dann gibt es auch verschiedene Sportarten: Beim Gewichtheben stemmen die Sportler*innen das Gewicht schnell über Kopf. Matthias Steiner gewann 2008 in Peking Olympisches Gold in dieser Disziplin. Beim Gewichtheben gibt es also auch viele starke Frauen.

Ich mache dagegen Kraftdreikampf. Deswegen ist es ein bisschen schwierig zu sagen, wer jetzt wirklich die stärkste Frau ist. Natürlich fühle ich mich geschmeichelt, wenn ich das höre. Starke Frauen gibt es aber viele.

Natascha: Welchen Einfluss hat dein Umfeld auf deine Karriere? Achtest du stark darauf oder managst du es?

Lea: Ich bin in einer sehr sportlichen Familie groß geworden. Meine Eltern sind beide Marathonläufer. Da ich Sport studiere, bin ich an der Sporthochschule auch von Sportler*innen umgeben. An der Uni, an der ich Französisch studiere, fällt es mir dagegen schwerer, Freund*innen zu finden, mit denen ich auf einer Wellenlänge bin. Als Leistungssportlerin finde ich es schwierig, mit Nichtsportler*innen ins Gespräch zu kommen, weil der Sport ein großer Teil meines Lebens ist. Alle meiner Freund*innen sind sportlich. Das ist natürlich kein Kriterium, sondern ergibt sich einfach so.

Natascha: Würdest du sagen, dass deine Eltern als Marathonläufer*innen, einen großen Einfluss darauf hatten, dass du jetzt eine sportliche Karriere anstrebst?

Lea: Ich habe meinen Vater immer auf Wettkämpfe begleitet. Die Teilnahme an den Kinderläufen war meine erste Berührung mit Sport. Am Ende durfte man sich aus einer Box immer ein Spielzeug aussuchen. Ich probierte verschiedene Sportarten aus. Mit 12 fing ich mit dem Fußballspielen an und machte das relativ lange.

Natascha: Du bist den Kilimandscharo hochgewandert. Wie kam es dazu?

Lea: Das war eine spontane Aktion. Einige männliche Freunde aus dem Sportstudio wollten ihn hochklettern und ich schloss mich ihnen an. Wir flogen also nach Tansania und bestiegen in einer Woche den Kilimandscharo.

Natascha: Wie hast du dich darauf vorbereitet?

Lea: Gar nicht. Es war aber ein Fehler, denn die Gruppe musste wegen mir langsamer gehen. Ich bin mental, glaube ich, sehr stark. Deswegen wusste ich, dass ich es schaffen werde. Am Ende war es mit der Kondition aber sehr schwierig. Du hast da oben kaum Sauerstoff. Wir sind dann am siebten Tag um Mitternacht die Spitze hochgegangen – ohne Schlaf und mir war übel. Ich musste öfter nach Pausen fragen.

Deshalb: Bereitet euch vor, wenn ihr den Kilimandscharo besteigen wollt. Für die nächste Bergbesteigung werde ich mich definitiv besser vorbereiten.

Natascha: Hattest du Respekt vor der Bergbesteigung?

Lea: Mein Bruder, der in Österreich lebt, meinte, dass ich es ohne Vorbereitung nicht schaffen würde. Aber das war für mich eine noch größere Motivation. Wir haben uns natürlich vor der Besteigung akklimatisiert, dadurch gewöhnt sich der Körper an den Berg. Du kannst die Bergbesteigung auch in 3 Tagen machen, da ist die Wahrscheinlichkeit aber deutlich kleiner, dass du es schaffst.

Natascha: Wie sah dein Alltag während dieser Woche Bergbesteigung aus?

Lea: Der Kilimandscharo ist tatsächlich gut für Anfänger*innen im Bergsteigen geeignet, weil man keine technischen Fähigkeiten braucht. An einer Stelle mussten wir ein bisschen kraxeln. Es gibt aber auch eine andere Route, bei der du das nicht musst. Einmal mussten wir an einigen Kissing Rocks vorbeilaufen, das war schon schwierig und ich sagte mir die ganze Zeit: Nicht runter gucken.

Es ist natürlich wichtig, dass du körperlich fit bist. Die Hälfte der Jungs schaffte es nicht hoch. Wenn der Körper nicht mehr kann, musst du herabsteigen. Das kannst du nicht immer beeinflussen. Wenn dir die Guides sagen, dass du runter gehen musst, musst du das tun. Es war eine sehr coole Erfahrung und es war nicht einfach. Ich hätte am liebsten geheult, machte es aber nicht, da ich mit meinem Freund eine Wette abgeschlossen hatte, es nicht zu tun.

Natascha: Musstet ihr auch eure eigene Ausrüstung und Zelte hochtragen?

Lea: Wir mussten unseren eigenen Rucksack tragen, aber nicht die Zelte und das Essen. Wir hatten Führer, denn ohne darfst du den Berg gar nicht besteigen. Das war ein großes Team, das uns wie eine Familie behandelt hat und total cool war. Wir haben ihnen später noch ein riesiges Paket mit Jacken und Wanderschuhe geschickt. Denn die Wanderer aus Deutschland hatten alle richtig gute Wanderschuhe, während die Einheimischen teilweise nur Flip Flops hatten.

Natascha: Wie war es, oben auf dem Berg zu stehen?

Lea: Oben zu sein war sehr cool, aber eigentlich war es cooler, wieder unten zu sein und zu realisieren, was man gerade geschafft hat. Als wir im Bus zurückgefahren sind und das Radio lief, das war für mich der schönste Moment. Zu wissen, ich habe es geschafft, jetzt kann ich duschen und in einem richtigen Bett schlafen. Wir hatten alle Sonnenbrand, weil genau am Gipfeltag die Sonne schien, nachdem es die ganze Woche geregnet hatte, und wir vergaßen uns mit Sonnencreme einzucremen. Wir hatten die Bergbesteigung extra in der Sommersaison gebucht, um gutes Wetter zu haben. Durch den Regen war es wirklich härter.

Natascha: Gibt es irgendwas, was dich dieses Abenteuer gelehrt hat?

Lea: Früher dachte ich oft: Ich muss so viel machen, ich fange gar nicht erst an. Besser ist, sich zu sagen: Ein Schritt nach dem anderen. Das habe ich mir beim Aufstieg, wenn es schwer wurde, auch immer wieder gesagt. Schritt für Schritt, Etappe für Etappe – dann kommt man auch ans Ziel. Ich habe noch gar nicht an den Gipfel gedacht, sondern immer nur an die Situation im Hier und Jetzt. Das mache ich jetzt und dann gehts weiter. Das habe ich wirklich gelernt. Und auch, dass ich viel mehr kann, als ich denke. Und, dass es schön ist ohne Handy.

Als wir den Gipfel hoch sind, das war wirklich schwierig für mich. Mir ging es nicht gut, ich war müde, wollte weinen. Ich habe mir „Ein Schritt nach dem anderen“ wie ein Mantra aufgesagt und auf einmal war ich oben.

Natascha: Ein schönes Beispiel dafür, wie der Körper doch oft einfach dem Kopf folgt.

Lea: Am Gipfeltag merkte ich irgendwann, dass ich mir etwas vormachte. Als ich immer wieder nach einer Pause frage und ein bisschen zur Diva wurde, empfahlen mir die Guides irgendwann hinunterzugehen. Da legte sich in mir ein Schalter um. Ich sagte: „Nee alles gut, wir gehen weiter.“ Ich merkte, dass ich mir die ganze Zeit selbst etwas vorgespielt hatte. Das passiert mir im wahren Leben außerhalb des Kilimandscharo auch manchmal: Dass ich weinerlich bin, mir aber eigentlich nur etwas vormache. Wenn ich weiß, es kommt darauf an, dann haue ich auch rein. Ich finde, es ist wichtig, dass man das lernt: Leide ich wirklich bzw. kann ich etwas wirklich nicht  oder lohnt es sich, sich selbst zu sagen „Ich kann das und ziehe das jetzt durch”?

Natascha: Hast du die Bergbesteigung als einzige Frau mit lauter Männern gemacht?

Lea: Genau. Bei den Guides und den Träger*innen war auch nur eine Frau dabei, die sich leider am zweiten Tag den Fuß verstaucht hat. Ab dem Zeitpunkt war ich die einzige Frau.

Natascha: Würdest du sagen, dass du als Frau in dieser Männerdomäne mehr leisten musst für deine Anerkennung? Gibt es noch komische Blicke? Fühlst du dich gleichberechtigt?

Lea: In meinem Fitnessstudio trainieren nur ambitionierte Sportler*innen und ich bekomme vor allem Anerkennung.

Auch bei Instagram gibt es vorrangig positive Reaktionen – gefühlt ist das so eine Herzchenwelt. Bei Youtube und Facebook verirren sich manchmal ein paar anonyme Kommentare, aber das sind wirklich Ausnahmen. Wenn das passiert, finde ich es eher amüsant. Ich bekomme nicht viel Hate im Internet.

Natascha: Ich auch nicht. Es gibt aber auch leider viele Frauen, die echt viel Hate abbekommen. Aber schön, wenn das bei dir nicht der Fall ist. Begegnen dir sonst in der Gesellschaft Vorurteile gegenüber Krafttraining?

Lea: Ich glaube, Vorurteile haben wir alle und die hatte ich früher auch. Gerade heute wurde ich beim Arzt wieder gefragt, wie man als Frau zum Kraftsport kommt. Ein Stück weit verstehe ich das, da es eben noch nicht ganz in der Gesellschaft angekommen ist. Zum Glück wird es immer normaler, dass auch Frauen Kraftsport machen können und dass stark sein geschlechtsunabhängig ist. Role Models spielen hier eine große Rolle: Ich habe coole Frauen gesehen, die gleichzeitig stark waren und gut aussahen. Zu sehen, dass das zusammen geht, hat mir sehr geholfen. Ich finde es toll, Sportlerinnen bei Instagram zu folgen, die eine tolle Leistung erbracht haben und Persönlichkeit haben.

Natascha: Jetzt bist du eine dieser Role Models. Ich habe bei Instagram ein Video von dir bei einem Wettkampf gesehen. Kurz bevor du die Hantel hochstemmst, sah man eine unglaubliche Entschlossenheit in deinen Augen und dann hast du es natürlich auch geschafft. Was geht in so einem Moment in dir vor?

Lea: Ich versuche, den Fokus auf mich zu richten und nicht zu schauen, was die anderen machen. Natürlich muss man wissen, was die anderen machen, um eventuell mehr Gewicht zu nehmen, aber dafür habe ich meinen Trainer. Ich konzentriere mich also auf mich selbst und rede nett mit mir: „Ich schaffe das, ich kann das“. Ich sage immer den gleichen Satz: „Ich mach das jetzt, ich mach das jetzt“. Das gibt mir ganz viel Fokus und hilft mir, gar nicht auf andere Gedanken zu kommen. Das ist der Punkt, an den du im Leistungssport kommen willst, eben an nichts anderes mehr zu denken, um im Flow zu sein.

Das habe ich mir richtig antrainiert, das war nicht immer so. Gerade am Anfang hatte ich oft Angst vor schweren Gewichten. Es hat gedauert, aber irgendwann habe ich dann gemerkt, dass ich es auch immer schaffe. Warum soll ich also jedes Mal daran zweifeln, wenn ich zu 99% alles schaffe?

Im Wettkampf spiele ich auch mit der Atmung. Ich atme sehr schnell in den Brustkorb ein, um mich mit Adrenalin vollzupumpen. Das hilft, stärker und leistungsfähiger zu sein. Wenn man es zu deuten weiß. Denn Anfänger bekommen oft Angst, wenn sie Adrenalinzittern haben. Wenn man dagegen weiß, dass man zittert, weil der Körper auf Adrenalin ist, dann kann man es für sich nutzen.

Natascha: Bist du dann in einem Trance ähnlichen Zustand?

Lea: Optimalerweise ja. Immer wenn ich gut trainiert und keine Verletzung habe, komme ich gut in diesen Zustand, weil ich ein großes Selbstvertrauen habe. Das kann man sich antrainieren – bei mir war das auch nicht von Anfang an da. Ich hatte die größten Ängste und Sorgen vor den Wettkämpfen und wollte mein Gewicht immer reduzieren.

Der Satz „Ich mach das jetzt“, hilft mir persönlich, aber das kann natürlich für jemand anderen auch ein anderer Satz sein. Man kann sich auch an einen Moment zurückerinnern, in dem man total selbstbewusst war und dieses Gefühl noch einmal hochholen.

Natascha: Schaut euch unbedingt dieses Video an, liebe Leute.

Lea: Ich habe das Wochen vor dem Wettkampf schon geübt. Manchmal war ich in der Bahn und stellte mir vor, wie ich das Gewicht hebe, um zu gewinnen.

Natascha: Also arbeitest du auch mit Visualisierungen?

Lea: Ja, genau… Auch in Alltagssituation. Dann war ich schon so richtig heiß und habe gemerkt, mein Körper kribbelt, als ob ich im Wettkampf wäre. Ich habe mir vorgestellt, wie es ist, ein bestimmtes Gewicht zu heben. Denn manchmal wird im Wettkampf ein Gewicht aufgelegt, das du noch nie gemacht hast. Das musst du an dem Tag machen, um zu gewinnen.

Matthias Steiner passierte das bei Olympia. Beim Gewichtheben hat man 3 Versuche im Reißen und im Stoßen. Er schaffte den zweiten Versuch nicht und im dritten luden sie noch mehr Kilos auf. Das ist mental nochmal krasser. Aber er hat es geschafft. Bei so etwas kann Visualisierung helfen. Sie hilft übrigens auch, wenn du ein Gewicht mal nicht geschafft oder einen Fehler gemacht hast: daran nicht hängen zu bleiben, sondern nach vorne zu schauen.

Ob man gewinnt oder nicht – Hauptsache man gibt das Beste, was man kann an diesem Tag und gibt nicht auf. Das ist mir sehr wichtig.

Natascha: Visualisiert du regelmäßig? Ist das Teil deines Trainings?

Lea: Ich visualisiere vor allem vor Wettkämpfen. Je näher ein Wettkampf kommt, umso mehr stelle ich mir das vor. Momentan mache ich es nicht so oft. Aber auch im Training sage ich mir: „Ich mach das jetzt“. Und selbst wenn ich dann mal etwas nicht schaffe, sag ich mir: „Du hast trainiert, du hast alles gegeben, dann ist das halt so“.

Natascha: Eine richtig positive Einstellung, auch mit Rückschlägen umzugehen. Wie verdienst du aktuell dein Geld?

Lea: Vor Corona hatte ich zwei Nebenjobs. Ich arbeitete als Schwimmtrainerin, das war ein Studentenjob. Im Fitnessstudio hatte ich einen 450 Euro Job. Ich habe so 900 Euro im Monat verdient. Durch Corona sind meine Einnahmen weggefallen. Also habe ich mich selbstständig gemacht und biete heute Online-Coaching an. Ich hatte ja schon länger im Fitnessstudio als Trainerin gearbeitet und habe das dann einfach online gemacht. Ich merke, dass das gut klappt. Auch für meine Kund*innen ist es super, denn wenn du  eine*n Trainer*in hast, dem*der du am Ende der Woche dein Feedback schickst und Videos mit Übungen bekommst, gehst du ganz anders ans Training heran. Selbst wenn du es alleine kannst, ist es mit Trainer*in immer motivierender.

Auf Instagram und Youtube habe ich Kooperationen und Sponsoren, die mich unterstützen. Damit verdiene ich auch Geld.

Natascha: Gibt es bei den Wettkämpfen auch Preisgelder?

Lea: Leider nicht. Es ist nicht olympisch, deswegen gibt es keine Preisgelder. Man kann sich natürlich selbst vermarkten, wenn man damit Geld verdienen möchte. Mein Verein zahlt 50-100 Euro Preisgeld. Im Nationalkader werden Kosten für Flüge und Bahnfahrten übernommen, damit keine Unkosten entstehen.

Natascha: Wie planst du finanziell deine Karriere?

Lea: Ich finde es schwierig zu planen, denn manchmal ändern sich Dinge. Vor einem Jahr wusste ich zum Beispiel nicht, dass ich heute das machen würde, was ich mache. Ich werde auf jeden Fall mein Studium beenden. Gerade schreibe ich an meiner Bachelorarbeit, danach mache ich noch 2 Jahre meinen Master. Dann würde ich überlegen, ob ich ins Referendariat gehe oder weiterhin als Selbstständige arbeite und mein eigenes Business weiter aufbaue. Das Lehrer-Dasein läuft mir ja nicht weg.

Ich könnte mir auch vorstellen, in Teilzeit als Lehrerin zu arbeiten, weil mir das Arbeiten mit Kindern echt Spaß macht und ich ihnen gerne den Sport näher bringen würde. Ich hatte leider in der Vergangenheit selbst nicht so gute Sportlehrer.

Wenn ihr Fragen zum Kraftsport oder zu meinem Online-Training habt, könnt ihr mir gerne bei Instagram schreiben.

Natascha: Vielen Dank für das tolle Gespräch und die spannenden Insights!

1 Shares

1 Kommentare

  1. Claudia

    Megageile Podcastfolge! Lea kam so megasympatisch rüber und der Satz „ich mach ds jetzt“ wird mich zukünftig auch ganz bewusst begleiten. Unbewusst war der schon ein alter Bekannter, aber jetzt ist er bewusst ganz fest verankert. Unabhängig vom Interview schreibe ich seit gestern mein Buch fertig – nachdem ich es erfolgreich ein Jahr vor mit hergeschoben habe 🙂 – das war auch ein „ich mach das jetzt“. Und ab morgen geht es im Mentoring los..

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.