Der unsichtbare Verlierer Feminismus

Meine Mission ist es Frauen auf ihrem Weg in die finanzielle Unabhängigkeit zu begleiten. Der Grund dafür ist simpel. Trotz Emanzipation, bleibt das Thema Finanzen bei vielen Paaren immer noch Männersache. Und das obwohl die negativen Konsequenzen (75% der Frauen zwischen 35 und 50 Jahren droht die Altersarmut) Frauen am härtesten treffen. 

Mit diesem Bestreben bin ich per Definition eine Vertreterin des Feminismus. 

Richtung der Frauenbewegung, die, von den Bedürfnissen der Frau ausgehend, eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Normen (z. B. der traditionellen Rollenverteilung) und der patriarchalischen Kultur anstrebt. – Definition ‘Feminismus’ im Duden.

Ich schreibe diese Zeilen, weil der ‘unsichtbare Feind’, COVID-19, auch unsichtbare Verlierer hat. Seit Anfang März erreichen mich Nachrichten von Frauen, die erschrocken feststellen, dass sie sich plötzlich wieder in der Rolle der Hausfrau und Mutter befinden. Das zeigt, wie tief die gesellschaftlichen Konventionen sitzen und wie fragil der über Generationen erkämpfte Fortschritt wirklich ist. Eine Krisensituation reicht aus, um traditionelle Geschlechterrollen wieder aufleben zu lassen. 

Es ist Krise und da wird nicht lange diskutiert. Da der Mann meist mehr verdient, ziehen sich Frauen vorübergehend aus der Berufswelt zurück und übernehmen Haushalt, Küche und Hausaufgabenbetreuung. Die sogenannte Care Arbeit also. Nach der Babypause, eine weitere Lücke im Lebenslauf. Ganz unabhängig von der Krise sind es aber in 76% der Fälle  Frauen, die diese unsichtbare Arbeit übernehmen. 

Wenn wir Frauen aufhören zu arbeiten, meinen wir eigentlich: Wir arbeiten den ganzen Tag, werden aber nicht dafür bezahlt. Das ist zum einen deshalb ungünstig, weil in unserer Gesellschaft Geld und Gehalt mit Wertschätzung und Anerkennung einher geht. Zum anderen, weil es rein finanziell gravierende Folgen hat. In der EU verdienen Frauen im Schnitt sowieso bereits 16% weniger als Männer. Wenn frau dann auch noch weniger oder gar nicht mehr arbeitest, verringern sich ihre gesetzlichen Rentenansprüche darüber hinaus dramatisch. Privat sorgen die Wenigsten vor. 

Hast du dir auch schon mal gedacht, dass du anfängst, in deine Altersvorsorge zu investieren, wenn du … Kinder hast? … 30 bist? Bis du dann auf einmal merkst, dass es doch wieder nicht passiert ist?

Es geht mir nicht darum, mit dem Finger zu zeigen. Ich spreche aber diese unbequemen Tatsachen ganz bewusst an, weil ich weiß, dass der allererste Schritt zur Veränderung ist ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was gerade der Status Quo ist. 

Wir alle leben in einem vorgegebenen System, das sich nur langsam verändert. Es ist aber die Sache jedes einzelnen (Männer und Frauen), wie wir uns darin arrangieren. 

Heißt: du hast es in der Hand. Schau hin und triff aktive Entscheidungen. 

Wenn ihr als Paar entscheidet, dass es finanziell sinnvoller ist, dass du zuHause bleibst, rechnet aus, was dich das später kostet! Basierend darauf könnt ihr entscheiden, wie ein fairer finanzieller Ausgleich aussehen kann. Dazu gibt es sogar Care-Rechner, wie diesen hier

Kinderlosen Frauen in Partnerschaften geht es ganz ähnlich. Hobbys wie Kochen, Backen und Inneneinrichtung sind auf dem Vormarsch und omnipräsent auf allen Social Media Kanälen. Warum ist das so?

Dies ist in keinster Weise eine Verurteilung der wieder entdeckten Freude an vermeintlich klassischen, weiblichen Tätigkeiten! Es ist schon gar keine Kritik daran, wie Frauen in der Krise agieren. Im Gegenteil. Ein Hoch auf die Frauen, die im Angesicht der Krise blitzschnell reagieren und sich der Situation anpassen. 

Zwei Punkte sind mir allerdings wichtig. 

  1. Es liegt an uns allen ganz bewusst hinzuschauen. Unsere unterbewussten Prägungen werden in Krisenzeiten zu Tage gefördert. Wir handeln, es muss schnell gehen und das ist gut so. Lasst uns aber der Tatsache ins Auge blicken, dass das Konstrukt der Gleichberechtigung immer noch extrem fragil ist. 
  2. Die Krise ist nun einige Monate alt. Es ist unsere Aufgabe den unsichtbaren Verlierer, den Wert des Feminismus, für den wir und Generationen vor uns, gekämpft haben, sichtbar zu machen. Lasst uns aktiv Entscheidungen treffen, Gespräche führen und für unsere Bedürfnisse einstehen. 

Jetzt haben wir die Zeit uns die großen, wichtigen Fragen zu stellen und gemeinsam eine Antwort darauf zu finden. Wie soll unsere Zukunft aussehen? Bei welchen Themen verlasse ich mich noch zu sehr auf andere? Wie viel ist mir meine Unabhängigkeit wert? Was kommt danach?

Das Thema geht uns alle an. Deshalb interessiert mich natürlich ganz besonders auch deine Perspektive. 

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2 Kommentare

  1. Erko Grômig

    „Kinderlosen Frauen in Partnerschaften…..“
    Ich rege an, den Begriff „kinderlos“ durch „kinderfrei“ zu ersetzen. „Kinderlos“ ist negativ konotiert und stigmatisiert Frauen.
    Ich verweise dazu auch auf das bemerkenswerte Buch von Veronika Brunschweiger „Kinderfrei statt kinderlos“, in dem sie u.a. auch die Themen aufgreift, die Sie hier ansprechen.

  2. Danke für den tollen Artikel. Ich mache in meinem Umfeld sehe ich auch solche Fälle und ich machte auch eigene ähnliche Erfahrungen als Mutter.
    Ich selbst arbeite in einem sehr familienfreundlichen Unternehmen, dass Eltern viel Unterstützung bietet. Daher habe ich viele Kollegen, die sich die Elternzeit teilen. Allerdings sehe ich auch noch oft das klassische Modell, in der die Frau Jahre zuhause bleibt und der Mann arbeitet, oder auch solche Beispiele:
    O-Ton eines Kollegen: „ich gehe jetzt für zwei Monate in Elternzeit“.
    Ich: „toll, die Kinder werden so schnell groß, da sollte man diese Zeit mit ihnen genießen. Toll, dass der Staat das anbietet. Arbeitet deine Frau in dieser Zeit?“
    Er: „Ähm, ich habe eine Motorradtour durch Europa geplant. Die dauert fast zwei Monate. Meine Frau kümmert sich derweilen um den Kleinen“ 🤦‍♀️
    Es gibt also noch viel zu tun.

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