5 Lehren aus dem Buch „Quiet: The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking“

Das Buch „Quiet: The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking*“ von Susan Cain steht schon sehr lange in meinem Regal. Jetzt habe ich es endlich gelesen. Warum habe ich mir dieses Buch gekauft? Weil ich mich selbst eher als introvertiert bezeichnen würde und mir spannende und auch lehrreiche Einblicke in die Welt von introvertierten Menschen – also im Endeffekt in mich selbst – erhoffte. Was ist eigentlich Introvertiertheit, ist diese auch mal nützlich oder bin ich dazu verdammt mich immer komisch zu fühlen wenn ich in einer Gruppe bin und nichts sage? Was sind die Stärken von introvertierten Menschen und wie kann ich sie als Betroffene, aber auch als Arbeitgeberin, optimal nutzen? Antworten auf diese Fragen sowie einige „Aha“-Momente lieferte mir das Buch durchaus.

1. Was ist Introvertiertheit überhaupt?

Introvertiertheit wird oftmals mit Schüchternheit gleichgesetzt. Doch wer schüchtern ist, ist nicht gleich introvertiert und umgedreht. Schüchternheit basiert auf der Angst vor sozialer Ablehnung oder Bloßstellung. Während introvertierte Menschen Umfelder präferieren, die nicht überstimulierend wirken.

Außerdem gibt es nicht nur schwarz oder weiß, intro oder extro, sondern ebenfalls alle denkbaren Abstufungen auf der Skala. Typische Merkmale von eher introvertierten Menschen sind bspw.:

      • Introvertierte Menschen fühlen sich eher in einer inneren Welt aus Gedanken und Gefühlen wohl während Extrovertierte lieber „externen“ Aktivitäten nachgehen.
      • Introvertierte Menschen ziehen Energie und Kraft aus dem Alleinsein während Extrovertierte Menschen sich ausgelaugt fühlen, wenn sie nicht genug socializen.
      • Introvertierte Menschen arbeiten eher langsam und bedächtig, fokussieren sich auf eine Aufgabe nach der anderen und können sich sehr intensiv konzentrieren. Sie hören mehr zu als dass sie reden, denken bevor sie sprechen und glauben sich besser in Schrift als in Gesprochenem ausdrücken. Viele hassen small talk, aber genießen tiefe Diskussionen.

Das Buch beinhaltet einen kleinen Selbsttest (Seite 13), mithilfe dessen man sich einschätzen kann.

2. Lautstärke und Produktivität hängen eng zusammen – auch für Extrovertierte

Neben vielen anderen Studien und Experimenten, die das Buch vorstellt, hat mich das folgende besonders beeindruckt. Introvertierte und Extrovertierte wurden damit beauftragt ein kniffliges Wörter-Spiel zu spielen, das hauptsächlich durch trail and error gelöst werden kann. Während des Spiels trugen sie Kopfhörer durch die zufällige Geräusche ausgespielt wurden. Die Teilnehmer wurden gebeten, die Lautstärke an den Kopfhörern gemäß ihrer Präferenz selbst einzustellen. Die durchschnittliche Lautstärke bei den Introvertierten betrug 55 Dezibel, die der Extrovertierten 72 Dezibel. Beide Gruppen erzielten gleich gute Spielergebnisse. So weit, so gut. Doch dann wurden die Lautstärken getauscht. Die Introvertierten mussten mit 72 Dezibel und die Extrovertierten mit 55 Dezibel auf den Ohren spielen. Das Ergebnis? Massive Verschlechterung der Ergebnisse – und zwar auf beiden Seiten! Dass die Intros aufgrund der Überstimulierung mit zu lauter Musik nicht klarkommen, lag für mich (vielleicht aus eigener Erfahrung) auf der Hand. Aber, dass auch die Extros aufgrund von Unterstimulierung schlechter performen, hätte ich so nicht gedacht.

Was heißt das für unsere Arbeitswelt? Wie verhindert man, dass seine Mitarbeiter unter ihren Möglichkeiten bleiben weil es für die einen zu laut und für die anderen zu leise ist? Brauchen wir laute und leise Büros?! 

3. Brainstorming ist ein Ideen-Killer

Das ist mal eine Aussage: Studien haben gezeigt, dass die Performance einer Gruppe abnimmt, je mehr Mitglieder sie hat. Sogar die Methode des Brainstromings scheint aufgrund der Tatsache, dass es sich um eine kreative Gruppenaktivität handelt, schlechtere Ergebnisse hervorzubringen als Einzelarbeit und Ideengenerierung von einzelnen Menschen alleine. Studien zeigen, dass in Gruppen sowohl weniger als auch schlechtere Ideen als in Einzelarbeit generiert werden. Der Psychologe Adrian Furnham geht sogar soweit zu sagen:

The evidence from science suggests that business people must be insane to use brainstorming groups. If you have talented and motivated people, they should be encouraged to work alone when creativity or efficiency is the highest priority.

Neben der Tatsache, dass in einer Gruppe immer die Lautesten, aber selten die Klügsten gewinnen und leise Menschen oft ignoriert werden, liegt dies vor allem an der Gruppendynamik, die unweigerlich in Kraft tritt, wenn Menschen aufeinander treffen: Studien zeigen, dass wenn die Gruppe denkt, die richtige Antwort sei A, Individuen stark dazu tendieren ebenfalls zu denken, dass die richtige Antwort A ist. Dabei geht es nicht darum sich bewusst der Gruppe anzuschließen sondern unser Gehirn denkt dann wirklich die richtige Antwort sei A! Die Meinung einer Gruppe kann folglich sogar das vermeintliche Wissen eines Individuum verändern. Das ist doch verrückt, oder? Wie soll dabei das bestmögliche Ergebnis in einer Gruppe erzielt werden?!

Dies alles gilt übrigens nicht nur für introvertierte Menschen, sondern für alle gleichermaßen.

4. Es liegt uns in den Genen

Ein Team aus Psychologen wollte anhand von Untersuchungen von 4 Monate alten Babys vorhersagen, welche Babys sich eher zu introvertierten und welche zu extrovertierten Menschen entwickeln würden. Und es ist ihnen in einer Langzeitstudie gelungen.

Die Babys wurden innerhalb von 45 Minuten vorsichtig einer Reihe neuer Reize ausgesetzt. Von Musik über bunte Bilder, Kurzfilme von Tänzern und dem Riechen von Alkohol. Die Reaktionen der Babys fielen sehr unterschiedlich aus. Etwa 20 Prozent haben herzhaft gelacht und mit ihre Ärmchen und Beinchen gestrampelt. Diese wurden „high-reactives“ genannt. Etwa 40 Prozent haben kaum reagiert („low-reactives„) und weitere 40 Prozent fielen irgendwo zwischen diese beiden Extreme.

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Als die Kinder 2, 4, 7 und 11 Jahre alt waren, führten die Psychologen weitere Tests mit ihnen durch und begegneten Korrelationen zwischen ihren damaligen Reaktionen im Alter von 4 Monaten und der Entwicklung ihrer Persönlichkeiten hinsichtlich des Introvertiert-Extrovertiert-Spektrums: Die high-reactive Babys wuchsen zu introvertierten Menschen heran und die low-reactives zu Extrovertierten. Zunächst würde man denken, dass die freudigen und zappeligen Kids die Extrovertierten sein müssten. Doch es ergibt Sinn, wenn man in Stimuli denkt. Die high-reactives fühlten sich schneller (über)stimuliert und haben reagiert. Die späteren Extrovertierten brauchten schon damals mehr Halligalli um überhaupt stimuliert zu werden und somit eine Reaktion zu zeigen.

Diese Ausprägung liegt uns also ein Stück weit in den Genen.

5. Wir können auch anders!

Ich selbst bin auf der Skala definitiv ziiiiiiemlich weit auf der Introseite zu finden. Ich bin gerne allein, hasse Smalltalk, höre lieber zu als selbst zu reden (auch weil ich denke, dass man nur etwas lernt, wenn man zuhört. Wenn man selbst redet hört man nur das, was man eh schon weiß) und Sozializen macht mich müde. Aber: Stelle mich auf eine Bühne, vor eine Kamera oder von die versammelte Belegschaft und ich präsentiere dir alles, was du willst. Und zwar ziemlich überzeugend, strukturiert, authentisch und fühle mich pudelwohl dabei! Wie passt das zusammen?

Die Free Trait Theory besagt, dass uns manche Persönlichkeitsmerkmale angeboren sind, wir uns manche allerdings – auch situationsbedingt – aneignen und ausleben können. Viele Introvertierte wissen, dass sie manchmal aus sich herauskommen müssen, um erfolgreich zu sein. Sie rocken einen Kongress im totalen Rampenlicht doch versinken abends nicht an der Bar sondern ziehen sich mit einem Buch auf ihr Zimmer zurück. Sie wissen, dass dieses Verhalten wichtig ist, um in unserer lauten Welt gehört zu werden.

Warum ist diese Fähigkeit wichtig? Naja, warum werden ständig die Leute, die (sich) am besten präsentieren können eingestellt und befördert anstatt derer, die eventuell die besseren Ideen, die besseren Führungspersönlichkeiten oder die besseren kritischen Denker sind? Weil in unserer Gesellschaft (in den USA noch viel mehr, in Asien fast gar nicht) die Lauten gewinnen. Dabei scheint es manchmal fast irrelevant, was gesagt wird. Hauptsache es wird etwas gesagt und das am besten laut und mit Nachdruck.

Fazit zum Buch:

Lynn Truss sagte über dieses Buch „Quiet is the most important book published for a decade“. Ich schließe mich ihr an. Warum? Weil Menschen, die vielleicht stets Sätze hören wie „Nu sei doch nicht so schüchtern“ oder „Du bist echt ein Party-Pooper“ durch dieses Buch lernen werden, dass es nicht schlimm ist so zu sein. Dass es einen Grund dafür gibt, dass sie andere Stärken haben und wie sie diese nutzen. Allen anderen wird es helfen die Welt von Introvertierten besser zu verstehen und die Talente selbiger gezielter fördern und nutzen zu können. Jede, die eine Führungsposition innehält, im Team arbeitet oder sonst wie mit Menschen in Berührung kommt, sollte dieses Buch gelesen haben. Also quasi jede(r).

Hier geht’s zum Buch

Quiet: The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking*

 

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